
geb.: 26.2.1923 in Emmendingen
gest.: 22.11.2016 in Boca Raton, Florida, USA
Beruf: Krankenschwester
Kartäuserstr. 76, Freiburg
Gerberau 2, Freiburg
Aus Freiburg nach Gurs
nach: Centre d'Emigration Hôtel Bompard, Marseille, unbesetztes Frankreich
Aus: Marseille, unbesetztes Frankreich nach: Havanna, Kuba
Aus: Havanna, Kuba nach: Miami, Florida, USA
Transportmittel: Dampfschiff
Mutter:
Rosa Bloch, geb. Weil
geb. am 21.3.1892 in Emmendingen
gest. am 20.6.1965 in New York, USA
Vater:
Ernst Bloch
geb. am 19.12.1888 in Freiburg
gest. am 17.8.1934 in Freiburg
Erika Irene Danty, geb. Bloch
geb. am 19.3.1922 in Freiburg
gest. am 18.5.2020 in Arlington, Virginia
Hochzeit am: 1952
in: New York City, USA
George Kaufman
geb. am 9.2.1916 in Berlin
gest. am 8.12.1991 in New York, USA
N. (Geburtsname)
R. Kaufman
geb.: 1956
R. (Geburtsname)
geb.: 1961
S. Kaufman
geb.: 1959
Alice Thekla Bloch wurde am 26. Februar 1923 in Emmendingen geboren, obwohl ihre Familie in Freiburg lebte. Sie war die jüngere Tochter von Rosa und Ernst Bloch. Ihr Vater war Kaufmann und verkaufte Verpackungsmaterialien an Einzelhändler. Ihre Schwester Erika war ein Jahr älter. Die Familie lebte bis 1936 in der Kartäuserstraße 76, dann in der Gerberau 2.
Alice Bloch hat Erinnerungen an ihre Kindheit aufgeschrieben. "Ich liebte die Stadt, besonders die umliegenden Berge, wohin meine Mutter uns oft mitnahm, als wir klein waren. (...) Ich erinnere mich an einen Nachmittag, als ich sechs war und die Sonne heiß brannte. Mutter und ich betraten den einladend kühlen, erfrischenden, nach Kiefern duftenden Schwarzwald, während Vögel sangen. Ich war begeistert. Ich saß auf einer Bank und schaute in den Himmel: Ich war ein schwebender Vogel, frei, überall hinzugehen. Mutter holte mich in die Realität zurück, indem sie mich daran erinnerte, meine Stickarbeit herauszuholen. Während uns eine angenehme Brise umgab, brachte Mutter mir das Häkeln, Stricken und Nähen von kleinen Puppen bei. Ich liebte die Zeit, die ich dort mit ihr verbrachte. Jahre später ging ich durch diese Wälder und betete um Hilfe."
Sie liebte die Besuche bei ihrer Großmutter Karolina Weil in Emmendingen, die einen Garten hatte und Gänse, Enten und Hühner hielt. Alice hatte viele, auch nichtjüdische Freunde und Freundinnen in Emmendingen. "Ich erinnere mich, wie ich meine verlängerten Wochenenden und Schulferien bei Oma in Emmendingen verbrachte. Oma hatte einen kleinen Garten mit vielen Blumen und Büschen und Weinreben, die an der Vorderseite des Hauses hochkletterten. An Ostern versteckte Oma immer bunte Eier und andere Leckereien für meine Schwester und mich im Garten. Ich besuchte sie gerne und spielte mit den Kindern von Omas Freundin. Oma begrüßte mich immer mit einer festen Umarmung und einem Kuss. Sie backte köstliche Zwetschgenkuchen. Oma bereitete den Kuchen zu Hause zu und brachte ihn zum Backen in die Bäckerei an der Ecke und ging nicht in die Bäckerei ihres Sohnes (Fritz Weil) (die etwas weiter weg war). Sie pflegte große Blechkuchen zu machen, die die Küche sehr heiß gemacht hätten. Sie war ein fröhlicher Mensch, der mir immer ein gutes Gefühl gab. Mein Opa starb, als ich sechs war."
Alice Bloch wurde in Freiburg eingeschult: "Ich war das einzige jüdische Mädchen in der Klasse, aber ich hatte viele Freunde. Als Hitler an die Macht kam, musste ich hinten im Klassenzimmer sitzen und niemand durfte mit mir reden. Ich hatte viele nichtjüdische Freunde, daher hat mich das sehr betroffen gemacht. Ein Mädchen sprach mich an und wurde nach hinten geschickt. Danach mieden mich alle Mitschüler. Sie hatten Angst. Ich werde nie die Gesichter der Schüler und des Lehrers vergessen, als er mich wegen des Redens an den Haaren zog."
Die Familie lebte in der Kartäuserstraße 76 am Fuß des Schlossbergs in einer geräumigen Fünfzimmerwohnung. Um das familiäre Einkommen aufzubessern, vermietete die Mutter Zimmer. Zwischen den Eltern gab es häufig Streit, weil der Vater, als Vertreter viel unterwegs, misstrauisch war. Er war ein starker Raucher. 1933 verlor er seine Arbeit und erkrankte an Kehlkopfkrebs. Am 17. August 1934 starb er. Alice war elf, Erika zwölf Jahre alt. Rosa Bloch verdiente den Lebensunterhalt der Familie, indem sie Zimmer untervermietete und den Untermietern die Wäsche und das Essen machte. Sie bot auch einen Wäscheservice für Studenten an. Die Kinder wurden in das Aufhängen und Zusammenlegen der Wäsche einbezogen. Sie zog in die Gerberau 2.
Die zwölfjährige Erika reiste 1934 mit einem Kindertransport in die USA. Sie kam zuerst bei Bert Weil und seiner Frau Marjorie unter, dem ältesten Bruder ihrer Mutter, der 1903 in die Staaten emigriert war. Seine Töchter Peggy und Nancy waren zwei und drei Jahre jünger als Erika, und sie stiftete ihre Cousinen zu allerhand Unfug an.
Von Oktober 1936 an mussten jüdische Volksschüler die jüdische Schulabteilung an der Lessingschule besuchen. Auch aus dem Umland kamen Kinder nach Freiburg. 68 Kinder aus zwölf Gemeinden wurden in zwei Räumen unterrichtet: "Es wurde eine jüdische Schule mit allen verschiedenen Jahrgängen in einem Raum eröffnet, was mir nicht gefiel. Ich erinnere mich, wie der Lehrer [Alfred Kaufmann] meine Hand hielt und sagte: ‚Gam l'tova‘, was bedeutet: ‚Auch das ist zum Guten'." Alice besuchte die Schule vermutlich bis nach Abschluss der achten Klasse Ostern 1937.
1938 beantragte Rosa Bloch die Ausreisepapiere für sich und Alice, nachdem auch ihre anderen beiden Brüder und ihre alte Mutter bereits in den USA lebten, aber sie erhielt eine hohe Wartenummer. Alice war lange krank und musste teure Kuren in Anspruch nehmen. Nach der Pogromnacht musste die jüdische Schulabteilung an der Lessingschule schließen. Am 1. April 1939 wurde Rosa Bloch zu einer kleinen Geldstrafe verurteilt, weil sie sich weigerte, den zusätzlichen Namen "Sara" zu tragen. Einen Monat später hat die Zollfahndungsstelle ihr Geld „sichergestellt“. Sie erhielt eine monatliche Summe und musste jede Extra-Ausgabe beantragen.
Das betrifft auch Summen für Alice. Sie habe 50 Mark Mehrkosten für ihre kranke Tochter, schrieb Rosa Bloch am 11. August 1939e: „Wie bereits erwaehnt, entstehen diese Mehrkosten hauptsaechlich dadurch, dass ich für meine Tochter die teuren Naehrmittel aus dem Reformhaus und ausserdem taeglich ausgesuchtes Obst – Trauben, Apfelsinen u.dgl. – kaufen muss.“
Am 22. Oktober 1940 wurde Alice mit ihrer Mutter ins südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert. Alice Kaufman hat 2001 über die Zeit in Gurs festgehalten: „Vor der Deportation ins Camp de Gurs lebte ich mit meiner Mutter in der Geberau, Freiburg, Deutschland. Nach Hitlers Machtergreifung mussten wir viele Demütigungen erleiden. Mir wurde eine Ausbildung verwehrt und mit jedem Tag wurde es schwieriger. Wir hatten kein Geld und Mutter machte Wäsche und putzte, damit wir essen konnten. Aufgrund der Einwanderungsquote in die USA und unserer verspäteten Beantragung einer Quotennummer konnten wir Freiburg nicht in Richtung USA verlassen und wurden schließlich mit den übrigen Freiburger Juden zusammengetrieben. Am 22. Oktober 1940 wurden meine Mutter und ich verhaftet und mit den übrigen Juden aus der Stadt Freiburg deportiert. Dies geschah in den Morgenstunden von Sukkot (jüdischer Feiertag). Wir wurden benachrichtigt und bekamen eine Stunde Zeit, um unsere absoluten Notwendigkeiten einzupacken, bevor wir aus unserer Wohnung im dritten Stock der Gerberau Nr. 2 vertrieben wurden. Wir wurden unter Nazi-Bewachung zu einem Treffpunkt gefahren und dann mit den übrigen Juden in einem Militärtransport zum Bahnhof gefahren, wo wir alle in Viehwaggons gepfercht wurden. Das Ziel der Zugfahrt war unbekannt. Nach 72 Stunden unter qualvollsten Bedingungen erreichten wir Camp de Gurs im Südwesten Frankreichs, ‚Pyrénées Atlantiques‘, zwischen den kleinen Städten Oléron und Navarrenx. Hier erwartete uns die Vorhölle von Auschwitz: Stacheldrahtzäune, Sumpfland und Schlamm. Die Baracken hatten kein Licht, keine Betten, keine Stühle; nur mit Schlamm bedeckte Holzbretter, keine Decken, kein Stroh. Wir lebten wie Tiere. Nach ein paar Tagen gab man uns Stroh, damit wir uns auf den Boden legen konnten. Die aufgeweichten Lehmböden in den Baracken und im Lager machten das Gehen für uns alle so schwer, besonders für die vielen Alten und Gebrechlichen. Die Hygiene war katastrophal. Mäuse, Ratten und Ungeziefer liefen über unsere Körper. Das Essen, das sie uns gaben, bestand aus einer Ration Brot, Suppe aus Rüben und Wasser; alle vier Wochen ein paar Erbsen und ein wenig Fleisch. Wegen dieser Bedingungen starben viele an Unterernährung und Krankheiten. Ich war die meiste Zeit krank und litt unter schweren Magenproblemen und Angst. Als diese schrecklichen Zeiten weitergingen, wurden viele von uns nach Auschwitz und in andere Gaskammern deportiert. Wir (Mutter und ich) überlebten und hatten 1942 das Glück, gerettet zu werden.“
Am 17. August 1941 wurden beide aus dem Lager ins Centre d'Emigration Hôtel Bompard in Marseille entlassen. Rosa Blochs Bruder Berthold hatte im August 2500 Dollar für die Ausreise überweisen. Von der Emmendingerin Emma Schwarz wissen wir, wie die Unterbringung in Marseille aussah (Brief vom 22. Juni 1942):
"Hier [in Marseille] wurden wir in einem sog. Hotel gegen Quittung abgeliefert. Aber auch hier waren wir noch nicht frei, denn wenn wir in die Stadt wollten, mussten wir einen Ausweis mit Foto vorzeigen und wenn wir zurückkamen so ebenfalls. Das Hotel war nur von Gürs [sic!] soweit etwas besser, als es ein Steinbau war. Das Essen war aber noch schlechter. Doch da wir in der Stadt mit den Papieren zu tun hatten, so nahmen wir dort unser Mittagsbrot ein. Wir hatten bald heraus, wo es ohne Ticket etwas zu essen gab. (...) In Marseille hatten wir sehr viel zu laufen. Wir mussten die Einreise für Portugal haben, die wir bald erhielten, darauf bekamen wir das Transitvisum für Spanien. Oft mussten wir noch auf die grosse Präfektur wegen der Ausreise aus Frankreich. Es gab viel Lauferei, doch blieb uns doch noch Zeit Marseille mit allen Schönheiten zu sehen. Schöne Strassen schöne Gebäude gut angezogene Menschen, alles das machte einen Eindruck auf mich, denn ich habe ja so lange nicht mehr derartiges gesehen. (...) Gute Unterstützung hatten wir in allem vom Hilfsverein, der uns in jeder Art gut beraten hat."
Im November 1941 reisten Alice und Rosa Bloch nach Kuba aus. Dort saßen die beiden fast ein Jahr fest. Wegen des Krieges durften sie nicht in die USA einreisen. Eine jüdische Organisation sorgte für ihre Unterbringung. Vom 1. Dezember 1941 bis 1. September 1942 arbeitete Alice Bloch als Kindermädchen für Stella Peczenik und erhielt ein glänzendes Zeugnis. Sie hütete ein kleines Mädchen namens Judy.
Am 22. September 1942 reisten Rosa und Alice Bloch von Havanna nach Miami in Florida.
In einem weiteren Text hat Alice Kaufman ihre Kindheit, die Lagererfahrungen und die Anfänge in den USA zusammengefasst. Manches überschneidet sich mit dem obigen Text, vieles ist neu:
„Der Schornsteinfeger war gerade fertig, als der Polizist an unsere Tür kam und uns befahl, nur mit einem kleinen Koffer mit einigen Kleidungsstücken und 20 Mark zu gehen. Keine Wertsachen. Mutter hatte einen Diamantfingerring und ich sagte ihr, sie solle ihn in den Saum ihres Kleides stecken. Sie hatte Angst, erwischt zu werden und spülte ihn die Toilette hinunter. Viele Leute beobachteten uns aus den Fenstern, als wir gingen. Ich bin sicher, dass einige großes Mitleid mit uns hatten. Ich bin sicher, dass einige dankbar waren, dass sie es nicht waren. Keiner konnte zeigen, wie er sich fühlte.
Wir wurden zu einem Bahnhof gebracht, wo Hunderte von Menschen verwirrt, ängstlich und mit verängstigten Gesichtern waren. Ich erinnere mich an die weißhaarige Dame, die auf dem Boden kniete und laut zu Jesus um Hilfe betete. Nach langem Warten kam ein Viehwaggon und wir wurden hineingesetzt. Niemand wusste, wohin wir wollten, und wir hatten Angst zu fragen. Wir wurden viele Stunden ohne Essen, Trinken oder die Möglichkeit, uns zu erleichtern, getrieben. Wir erreichten das „Camp De Gurs“ in den Pyrenäen in Frankreich an der spanischen Grenze: ein schmutziges Lager, umgeben von Stacheldraht.
Tagelang schliefen wir auf nackten Böden. Dann bekamen wir Stroh zum Schlafen. Mutter half beim Verteilen des Essens, das wir bekamen, und bekam dafür manchmal eine zusätzliche Scheibe. Ich erinnere mich noch, wie ich von einer lauten Ratte aufgeweckt wurde, die in den Sack mit dem Brot eingedrungen war, der an einem Holzpfosten hing. Ich erinnere mich noch an zwei Männer, die um ein Stück Brot kämpften. Wir bekamen täglich eine Ration einer wässrigen Suppe mit Kichererbsen. Nach einigen Wochen kam das Rote Kreuz vorbei und brachte warmes Müsli für die Kinder und Jugendlichen.
Nach ein paar Tagen im Lager traf ich ein Mädchen namens Else, das nur ein Jahr älter war. Wir wurden gute Freunde und verbrachten viel Zeit miteinander, gingen auf dem Lagergelände umher und redeten. Ich erinnere mich noch, wie wir ein paar alte Säcke fanden und Röcke daraus nähten. Wir verbrachten viel Zeit miteinander, beteten und träumten von einer besseren Zukunft. Nach zehn Monaten schickte uns mein Onkel in Amerika schließlich ein Visum für Kuba, da wir während des Krieges nicht in die USA einreisen durften. Else dachte, sie hätte einen Onkel in Amerika, hatte aber keine Adresse. Damals wusste ich nicht, wie ich ihn finden sollte. Sie und ihre Mutter starben im Ghetto Theresienstadt.
In Kuba kümmerte ich mich um ein kleines polnisches Mädchen im Austausch für Unterkunft und Verpflegung. Mutter blieb in einem Internierungslager. Dort traf sie einen alleinstehenden Mann, mit dem sie Zeit verbringen konnte. Nach etwa einem Jahr, als der Krieg vorbei war, konnten wir in die USA einreisen. Als ich mit meiner Mutter in den USA ankam, war ich neunzehn Jahre alt und wollte die Vergangenheit vergessen und hart für eine bessere Zukunft arbeiten. Sobald ich Englisch sprechen konnte und meine Mutter die Sprache verstand, sprach ich nur noch sehr selten Deutsch. Ich versuchte, alles zu vermeiden, was mich an die Vergangenheit erinnern könnte. Damals kam mir nicht in den Sinn, dass die Sprache nichts mit dem zu tun hatte, was in Deutschland geschah. Ich war verbittert über die Reaktion meiner Freunde, obwohl ich wusste, dass sie keine andere Wahl hatten, als mich zu ignorieren, wenn sie nicht bestraft werden wollten. Ich sprach mit meinen Kindern nie über meine Erlebnisse, bis sie erwachsen waren."
Zwei Tage lebten Rosa und Alice Bloch bei Rosa Blochs Bruder Fritz Weil, nun Morris, und seiner Frau Else. Dann zogen sie in eine kleine Wohnung in Washington Heights. Wenige Tage nach der Ankunft in New York begann Alice Bloch, in einer Fabrik zu arbeiten. Zuerst faltete sie Hosen, dann nähte sie im Akkord, kam aber mit dem Fabriklärm nicht zurecht. Sie kaufte die New York Times und suchte gezielt nach Stellenanzeigen für Kindermächen in der Gegend des Central Park. Zwei Jahre kümmerte sie sich um die kleine Monica im Central Park West. Nach zweieinhalb Jahren kündigte sie schweren Herzens, denn sie mochte das Kind, und die Arbeitgeber mochten sie, aber Alice Bloch wollte Krankenschwester werden. Sie kehrte zu ihrer Mutter zurück, arbeitete tagsüber in einer Schmuckfabrik und besuchte Abendkurse. Am 5. April 1948 wurde sie eingebürgert.
Dann wurde ihr Wunschtraum Wirklichkeit: Sie bestand zu ihrem eigenen Erstaunen die Aufnahmeprüfung an der "School for Practical Nursing" am Montefiore Hospital. Von Mai 1948 bis Mai 1949 machte sie dort eine Ausbildung zur praktischen Krankenschwester. Sie bewohnte mit einer anderen Auszubildenden ein Zimmer im Schwesternheim. Jeden Morgen stand sie um 5.30 Uhr auf, um im Innenhof zu lernen, während die Vögel ihr Morgenkonzert gaben. An den Wochenenden hätte sie nach Hause gehen dürfen, aber sie blieb im Schwesternheim, um zu lernen. Ihre Zimmergenossin paukte mit ihr englisches Fachvokabular. Vormittags hatten die jungen Frauen Unterricht, nachmittags arbeiteten sie mit Patienten. Nach der dreimonatigen Probephase durften sie die weiße Schwesternuniform tragen.
In den Weihnachtsferien der Nursing School arbeitete Alice Bloch als Springerin in Gimbles Department Store. Dort lernte sie ihren späteren Mann George Kaufman kennen: "Als Springerin arbeitete ich in vielen Abteilungen, vor allem in der Herrenabteilung im Keller. Das war Georges Abteilung. Da ich kein Kasse hatte, gab ich meine Umsätze an George ab. Wir wurden gute Freunde und begannen, zusammen auszugehen. Mein größter Wunsch, ein gutes Leben für meine Mutter, wurde erfüllt. Ich mochte ihn sehr und verliebte mich in ihn, weil er gut zu meiner Mutter war. Er liebte meine Mutter und war immer bereit, sie im Auto mitzunehmen."
Nachdem Alice Bloch die Abschlussprüfung zur "Practical Nurse" erfolgreich abgelegt hatte, arbeitete sie bis zur Heirat in einem Krankenhaus. Sie traute sich nicht, die Ausbildung zur examinierten Krankenschwester (registered nurse) zu machen, weil sie davon ausging, nicht genügend Vorbildung mitzubringen. Ihrer Tochter Ruth zufolge war sie „stolz auf ihre Leistung und glücklich, einen Job zu haben, bei dem sie Menschen helfen konnte“. Trotz ihrer geringen Schulbildung hatte sie es geschafft, eine gute Ausbildung zu machen.
Im April 1950 starb ihre geliebte Großmutter Karolina Weil in Manhattan.
1952 heirateten Alice Bloch und George Kaufman: "Nachdem wir drei Jahre zusammen waren, heirateten wir im Reform Temple in der Nähe meines Wohnorts mit meiner Mutter in Washington Heights." Das Ehepaar lebte in der 1535 University Avenue und bekam zwei Töchter und zwei Söhne.
Die Familie lebte in Staten Island, wo auch Erika Danty wohnte. Ende März 1964 zog Rosa Bloch nach Staten Island in denselben Hauskomplex wie ihre Töchter, 27 Warren Street. Rosa Bloch starb am 20. Juni 1965 in New York City.
In den 1970ern, als die Kinder im Teenageralter waren, begann Alice Kaufmann wieder als Krankenschwester zu arbeiten, erst in einem Krankenhaus, aber dort gefiel es ihr nicht. Sie wechselte ins Pflegeheim Silver Lake. 15 oder 16 Jahre machte sie dort Nachtschichten: "Anfangs arbeitete ich tagsüber einige Stunden im Krankenhaus. Ich machte mir jedoch Sorgen, dass die Kinder mich tagsüber brauchen könnten, und begann, nachts zu arbeiten. Ich fand einen Job in einem Pflegeheim, wo ich von 23 Uhr bis 7 Uhr morgens arbeitete. Langsam steigerte ich meine Arbeitszeit auf 5 und manchmal sogar 6 Nächte pro Woche. Normalerweise ging ich morgens ins Bett, nachdem alle Kinder in der Schule waren. Ich arbeitete von 23 bis 7 Uhr und war für die Etage verantwortlich, die Platz für 24 Personen bot. Manchmal schlief ich von 20.30 bis 22 Uhr, bis ich aufstehen musste, um zur Arbeit zu gehen. Sehr oft war ich müde und fand es schwierig. Aber ich stand auf und mein Mann fuhr mich. Als ich 58 war und anfing, Teilzeit zu arbeiten, drei Tage pro Woche, lernte ich Autofahren und fuhr selbst. Als ich das erste Mal die Fahrprüfung machte, ging ich mit meinem Mann dorthin und fiel durch. Das zweite Mal ging ich mit meinem Sohn Steven dorthin und bestand die Prüfung und bekam meinen Führerschein. Ich war sehr glücklich, denn das Autofahren machte mich unabhängig, und unabhängig wollte ich immer sein. Natürlich hatte ich ein paar kleine Unfälle. Am Anfang werde ich nie vergessen, wie ich mit meinem Sohn Ronnie an meiner Seite zur Arbeit fuhr, gegen einen Lichtmast fuhr und meine Autotür beschädigte. Niemand wusste, wer es getan hatte, da es spät in der Nacht war. Ich liebte das Autofahren und fuhr jeden Tag irgendwo hin.
In den 1980ern arbeitete Alice Kaufman auch viele Jahre als Krankenschwester in einem Sommerlager.
Als die Stadt Freiburg 1987 ehemalige jüdische Einwohner einlud, zögerte Alice Kaufman zunächst, nahm die Einladung dann aber doch an und flog mit ihrem Sohn Ronald und ihrer Schwester Erika Danty nach Deutschland. Vom 3. bis 8. August 1987 waren die drei in Freiburg. "Ich hatte nie erwartet, jemals wieder nach Freiburg zurückzukehren, aber der Oberbürgermeister dieser Stadt bot den dort lebenden Juden als Wiedergutmachung eine kostenlose Reise nach Freiburg und einen fünftägigen Aufenthalt in einem ausgezeichneten Hotel mit einer Begleitperson an. Widerstrebend nahm ich an, da ich meinen Sohn mitbringen konnte und wusste, dass ihm die Erfahrung gefallen würde. Ich zeigte ihm, wo ich früher gewohnt hatte, wo ich zur Schule gegangen war, und den wunderschönen Schwarzwald, in dem ich in meiner Jugend viel Zeit verbracht hatte. Mein Sohn war fasziniert von den schmalen Wasserläufen, die durch viele Teile der Stadt flossen. Als kleine Kinder hatten wir auf dem Heimweg von der Schule unsere Schuhe und Socken ausgezogen und unsere Füße im Wasser gekühlt. Wir waren überrascht, als zwei meiner ehemaligen Schulkameraden zu Besuch kamen.“ Frühere Freundinnen hatten ihren Namen in der Zeitung gelesen, suchten sie auf und brachten Geschenke mit. In einem Interview von Marvin Greenberg mit Alice Kaufman vom 12. Oktober 1995 zeigt sich Alice Kaufman war sehr berührt davon, wie leid ihren Freundinnen das Geschehene tat. So wurde der Besuch für sie selbst doch noch sehr wichtig.
Am 8. Dezember 1991 starb George Kaufman. Er hatte eine 15 Jahre ältere Schwester. "Mein Mann starb, als er fast 75 Jahre alt war, und seine Schwester Maxine weinte bitterlich, weil sie so viel älter war und er zuerst sterben musste. Nachdem mein Mann gestorben war, zog Maxine bei mir ein. Ich zog von Fort Lauderdale, wo ich mit meinem Mann gelebt hatte, nach Deerfield Beach in eine Eigentumswohnung mit 2 Schlafzimmern und 2 Bädern. Am Anfang kümmerte sich Maxine größtenteils selbst um sich, aber als sie älter wurde, wurde es etwas schwieriger. Sie verbrachte etwa sieben Jahre bei mir und etwa ein Jahr im Pflegeheim. Dort fiel sie aus dem Bett, benötigte eine Hüftoperation und starb während der Rekonvaleszenz mit 97 Jahren."
In der Zeit mit ihrer Schwägerin war Alice Kaufman ehrenamtlich in einer Schule als "Listener" (Zuhörerin) tätig: Sie kümmerte sich um Schülerinnen und Schülern, denen es nicht gut ging, und hörte ihnen zu.
Alice Kaufman starb am 22. November 2016 mit 93 Jahren in Boca Raton, Florida, und Erika Danton 2020 in Arlington, Virginia. Als Vermächtnis hinterließ Alice Kaufman die folgenden Sätze: "Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es die Führung einer höheren MACHT war, die mich dorthin gebracht hat, wo ich heute bin. Erzählen Sie all Ihren Kindern davon und lehren Sie sie, an diese höhere MACHT zu glauben und dass ihre Intuition sie dorthin führen wird, wo sie hinwollen. Ich habe meine Ziele erreicht, indem ich immer meiner Intuition gefolgt bin."
Dorothea Scherle
Alice Kaufman geborene Bloch (Quelle: Privatarchiv Ruth Kaufman Fotis).
Karolina und Adolf Weil 1928 in Emmendingen (Quelle: Privatarchiv Ruth Kaufman Fotis).
Das Haus von Adolf und Karolina Weil in der Karl-Friedrich-Str. 50 in Emmendingen (Quelle: Privatarchiv Ruth Kaufman Fotis).
Erika (links) und Alice Bloch in den 1920er Jahren im Garten ihrer Großmutter Karolina Weil in Emmendingen. Ihre Mutter Rosa Bloch schaut aus dem Fenster (Quelle: Privatarchiv Ruth Kaufman Fotis).
Lina Weil mit den Enkelinnen Erika und Alice Bloch in Emmendingen (Quelle: Privatarchiv Kenneth Danty).
Lina Weil mit den Enkeln Alfred Weil und Alice Bloch in Emmendingen (Quelle: Privatarchiv Kenneth Danty).
Erika Bloch (Mitte, weiße Bluse) und ihre Schwester Alice (im Matrosenhemd vor ihr) in Emmendingen bei Lina Weil auf der Treppe (Quelle: Privatarchiv Kenneth Danty).
Auf der linken Seite die Häuser in der Freiburger Gerberaus von der Fischerau aus gesehen. Links in Nummer 2 lebte Rosa Bloch in den 1930er Jahren (Quelle: Privatarchiv Ruth Kaufman Fotis).
Erika Bloch als Teenager in New York (1) (Quelle: Privatarchiv Kenneth Danty).
Eine Gruppe von Schülern der jüdischen Schulabteilung an der Freiburger Lessingschule bei einem Ausflug. Vorne links in der ersten Reihe mit den Zöpfen Alice Bloch, rechts daneben ihr Cousin Alfred Weil (Quelle: Jüdische Zwangsschule Freiburg).
Alice Bloch 1937 bei Lina Bloch in Emmendingen (Quelle: Privatarchiv Kenneth Danty).
Alice Bloch 1937 mit 14 Jahren in Freiburg (Quelle: Privatarchiv Ruth Kaufman Fotis).
Judy, deren Kindermädchen Alice Bloch auf Cuba war (Quelle: Privatarchiv Ruth Kaufman Fotis).
Alice Kaufman geborene Bloch als stolze Krankenschwester (Quelle: Privatarchiv Ruth Kaufman Fotis).
Alice und Rosa Bloch in den Vereinigten Staaten (Quelle: Privatarchiv Ruth Kaufman Fotis).
Einzugsgebiet der Jüdischen Schulabteilung an der Freiburger Lessingschule (Quelle: Jüdische Zwangsschule Freiburg).
Handschriftlich ausgefülltes Formular von Alice Thekla Bloch zur Annahme des Zwangsvornamens "Sara" am 21. Dezember 1938 (Quelle: Stadtarchiv Emmendingen Faszikel 371/2 1939-1964).
Formular, das der sogenannten "Judenkennkarte" vorausging, für Alice Bloch (Vorderseite) (Quelle: Stadtarchiv Emmendingen).
Formular, das der sogenannten "Judenkennkarte" vorausging, für Alice Bloch (Rückseite) (Quelle: Stadtarchiv Emmendingen).
Passagierliste aus dem Jahr 1942 mit den Namen von Rosa und Alice Bloch (Quelle: Ancestry).
Zusammen mit ihrer Mutter reiste auch Alice Bloch am 22. September 1942 von Havanna nach Miami in Florida (Quelle: Ancestry).
Einbürgerungsnachweis von Rosa Blochs Tochter Alice (Quelle: Ancestry).
An der "School for Practical Nursing" am Montefiore Hospital machte Alice Bloch ihre Ausbildung zur KrankenschwesterAm 17. Mai 1948 erhielt sie ihr Abschlusszeugnis (Quelle: StaF F 196/1 Nr. 4124).
Lebenslauf von Alice Kaufmann aus dem Jahr 1956 (1) (Quelle: StaF F 196/1 Nr. 4124).
Lebenslauf von Alice Kaufmann aus dem Jahr 1956 (2) (Quelle: StaF F 196/1 Nr. 4124).
Lebenslauf von Alice Kaufmann aus dem Jahr 1956 (3) (Quelle: StaF F 196/1 Nr. 4124).
Alice Kaufman musste sich jahrelang gedulden, bis ihrem Wiedergutmachungsantrag entsprochen wurde. In diesem Schreiben vom 19. September 1958 erkundigt sie sich nach dem Stand der Dinge (Quelle: StaF F 196/1 Nr. 4124).
| Archiv | Quelle | Signatur |
|---|---|---|
| Stadtarchiv Emmendingen | Standesbücher | – |
| Stadtarchiv Freiburg | Datenblatt | – |
| Staatsarchiv Freiburg | F 196/1 Nr. 4124 | |
| Hauptstaatsarchiv Stuttgart | Erhebungsbogen Freiburg zu Alice Bloch | – |
| Privatarchiv Ruth Kaufman Fotis | – | |
| Privatarchiv Kenneth Danty | – | |
| My Heritage | Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939 | – |
| Ancestry | Einbürgerungsgesuche New York | – |
| Ancestry | Passagierlisten Florida, 1898-1963 | – |
| Jüdische Zwangsschule Lessing-Realschule Freiburg | ||
| Find A Grave | Alice Kaufman | – |